{ KAMPFKÜNSTE}

"Lehre/heiliges Gesetz der Faust", "Wissenschaft vom Faustkampf"

Der systematische Komplex von Nahkampfverfahren mit und ohne Waffen wird in Japan Kempo genannt. Dieser Begriff, der im chinesischen mit identischen Schriftzeichen Ch'uan Fa (z.B. Shaolin-Tempelboxen) heißt, steht für die Lehre, den ganzen Komplex einer geistigen und körperlichen Kultur. Kempo ist der Weg zur Realisierung der Einheit vom Mikrokosmos der menschlichen Persönlichkeit und dem Makrokosmos, vom Erreichen einer Harmonie mit der Welt und sich selbst. In China und Japan sowie in Korea und Vietnam besaß der Begriff militärischer Künste einen ganz anderen Sinn als im Westen. Nicht der Sieg über einen Gegner war das Ziel beim Studium des Kempo, sondern der Sieg über sich selbst, die Überwindung der Schwächen und Mängel. Die Schule des Kempo war eine Schule des Lebens.
Es lassen sich u.a. folgende Ursprünge des Kempounterscheiden:

- Yoga als ein System des Psychotrainings, der körperlichen und geistigen Vervollkommnung des Menschen.

- Der auf Schriften des chinesischen Philosophen Lao-Tse beruhende Taoismus mit seinen Ideen der Leere, des Kampfes zwischen den Kräften Yin und Yang und der Wechselwirkung der fünf Urelemente (Wasser, Holz, Feuer, Erde, Metall), des Nicht-Tuns, der Sanftheit, der Natürlichkeit und der Metamorphosen. Die japanische Transliteration des Wortes Tao ist übrigens Do, als Nachsilbe "Weg" bzw. "Pfad" bedeutend. Tao meint auch wie das japanische Wort Kata "Formen": detailliert choreographisch vorgegebene Bewegungkomplexe, die wichtiger Bestandteil für
Training und Überlieferung des Kempo waren.

- Theorien der chinesisch-tibetischen Medizin über die Zirkulation der Lebensenergie Chi im Organismus, über die Punkte und Meridiane und ihren Zusammenhang mit inneren Organen. Diese in der Akupressur verwendeten Punkte sind z.B. Grundlage von Atemi, der jap. Kunst des Schlagens gegen lebenswichtige Punkte. Als wichtigstes Zentrum des Chi ist das Atemzentrum Tan-T'ien (jap. Tanden) zu nennen, ein ca. drei Finger unter dem Bauchnabel gelegener Punkt, der auch den Körperschwerpunkt darstellt.

- Die Bionik des Altertums, die Beobachtung des Verhaltens der Tiere, aus dem die Tier-Stile des Kempo hervorgingen.

- taoistische Kriegswissenschaft, in der die Prinzipien der Strategie und der Taktik des Kampfes formuliert sind.

- Buddhistische Chan- (jap. Zen-) Psychotechnik, die es erlaubt, durch Konzentration und Autosuggestion erstaunliche Ergebnisse zu erzielen.

Der taoistische Stil des Kempo brachte Schulen vom "inneren", "sanften" Stil hervor. Sie stützen sich auf die Entwicklung der energetischen Fähigkeiten des Organismus, auf die Steuerung der Bioenergie des Chi, durch die Nahkampfverfahren um ein Vielfaches verfeinert werden können. Als Gründer der "inneren" Stile gilt der taoistische Mönch Zhang Sanfeng mit seiner "Schule der Vögel und Schlangen". Noch heute gelehrte Varianten des "inneren" Stils sind T'ai-Chi-Ch'uan, Hsing-I und Pa-Kua.

Die buddhistischen Klosterschulen praktizierten den "äußeren" Stil des Kempo. In ihm wurde besonderes Gewicht auf die Kräftigung des Körpers und die Entwicklung der Schnellkrafteigenschaften gelegt, also auf alles, was man heute im Westen mit den Begriffen Kung-Fu und Karate in Verbindung bringt. Als Training zur Steuerung der eigenen Lebensenergie ist in diesem Zusammenhang das Chi-Gong zu nennen. Als einer der wichtigsten Gründer gilt Bodhidharma, ein buddhistischer Mönch aus Indien, der 520 nach China ging und im berühmten Kloster Shaolin in Henan neben der Begründung des Chan-Buddhismus das Kempo nachhaltig beeinflußte.





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